Güllestorm oder wenn tierischer Dünger im Netzt durch die Luft fliegt

Chronologie eines #güllestorm – Im Auge des Tornados

Güllestorm oder wenn tierischer Dünger im Netzt durch die Luft fliegt

Güllestorm oder wenn tierischer Dünger im Netz durch die Luft fliegt Foto: YouTube Film von Sebastian Bützler

Wie nennt man einen Shitstorm, wenn er von Landwirten entfacht wird? Richtig, Gülle-Storm. Den Begriff erfunden hat wahrscheinlich Lorenz S. Beckhardt aus der Quarks & Co. Redaktion des WDR. Als Social Media Experte sieht man ja oft Beispiele für Shitstorms. Aus der Innenansicht bekommen die wenigsten einen Shitstorm zu Gesicht. Trotzdem sehr viel darüber geschrieben und berichtet wird, sind die Exkrementen-Stürme relativ selten. Selbst Social-Media Manager erwischt es so gut wie nie, wissen die doch wie man einen solchen Sturm im Ansatz erkennen kann. Eine fundierte Ausbildung vorausgesetzt, besteht dann noch die Möglichkeit die Kläranlagen-Fracht am Abflug zu hindern.

Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit die Entstehung eines Fäkalien-Windes von Anfang an zu begleiten. Ich war sogar aktiv an der Windmaschine  beteiligt. Die Chronologie der Ereignisse habe ich in einem Storify zusammen gefasst.

Social Media ist im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen bisher nur teilweise angekommen. Das lässt sich aus den Reaktionen schließen und das wurde mir in einem Gespräch mit einem Verantwortlichen bestätigt. In der Sendeanstalt gibt es kein Social Media Team oder ausgebildete Betreuer. Die Redaktionen sind sehr frei in dem was sie tun und legen deshalb ihre Fanpages selbst an und pflegen diese auch selbst. Nachdem die Kommentarflut unübersehbar war, kämpfte der standhafte Redakteur auf verlorenem Posten. Man merkte ihm an, das er teilweise nicht mehr wusste, wem er wo antwortete. Er brachte die Landwirte schon mal durcheinander. Der vor der Sendung frisch angelegte Twitter-Account hat als ersten Tweet den Retweet des Landwirtes Marcus Holtkötter alias @bauerholti abgesetzt.

Frischer Twitter Account von Quarks und Co mit dem ersten Tweet von Bauer Holti alias Marcus Holtkötter

Frischer Twitter Account von Quarks und Co mit dem ersten Tweet von Bauer Holti alias Marcus Holtkötter Screenshot

Bericht auf Topagrar über die Sendung Quarks und Kuh

Bericht auf Topagrar über die Sendung Quarks und Kuh Screenshot Webseite Topagrar

Am Montag wurden dann Nutzer auf der Seite geblockt. Das ist sehr unschön, da dann Diskussionen nur noch zur Hälfte da stehen. Eine Dame aus meinem landwirtschaftlichen Umfeld war total entsetzt, als sie keinen ihrer teilweise mit wissenschaftlichen Studien hinterlegten Posts mehr fand. Sie bat mich um Hilfe und Unterstützung. Ich nahm Kontakt zum Redakteur auf und versuchte ihn dazu zu bringen die blockierten Nutzer wieder frei zu schalten, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Mir wurde erwidert, das man nach Rücksprache mit den Hausjuristen die Nutzer gesperrt habe, die ausfallende oder beleidigende Kommentare abgegeben hatten. Ich versuchte dem Redakteur zu erklären, was die Konsequenzen seines Tuns sein könnten:

  1. Berechtigte Wut und weitere Kommentare durch Freunde und andere Profile der blockierten Nutzer
  2. David gegen Goliath Sicht und Solidarität anderer Nutzer mit den gesperrten Nutzern
  3. Protest der Gegenpole der gesperrten Nutzer, weil deren Kommentare sinnentleert da stehen
Gelöschter Kommentar mit beleidigendem Inhalt Screenshot Facebook

Gelöschter Kommentar mit beleidigendem Inhalt Screenshot Facebook

Letztlich folgte der Redakteur meinen Vorschlägen und entsperrte die Nutzer wieder. Die aus seiner Sicht beleidigenden Kommentare wurden dann einzeln gelöscht. Hier wollte er meinem Rat nicht folgen die Löschung erst einmal anzukündigen, um den Nutzern die Möglichkeit zu geben die Kommentare selbst zu editieren. Letztendlich blieb eine weitere Eskalation zum Glück aus.

Auf meinem landwirtschaftlichen Blog, Agrarblogger habe ich den für den Shitstorm verantwortlichen Clip sachlich aufgearbeitet. Das hat dann letztendlich dazu geführt, das noch vor der Sendung der Inhalt in Nuancen geändert wurde. 

Die Sendung war vom Tenor her mehr landwirtschaftsfern und aus Sicht der Fachleute nicht gut recherchiert. Eine Aufarbeitung der kompletten Sendung aus landwirtschaftlicher Sicht hat mein Blogger-Kollege vom Blogagrar.de  erstellt. Am Besten gefallen hat mir der Beitrag über die amerikanische Autistin und Rinder-Fachfrau Temple Grandin in der insgesamt 45 minütigen Quarks & Co. Sendung.

Im Forum der DLZ sieht ein junger Landwirt die Angelegenheit aus einem völlig anderen Blickwinkel. Er schreibt:

Wo ist da ein Problem im Rentnerfernsehen ??? 
Der Simulator schult nur betriebswirtschaftliches Denken,
wenn er nicht so langweilig wäre. wink

Die Jugend schaut sich so einen langweiligen Kinderkram nicht an. Heute ist alles politisch wertlos
wo kein Blut fließt, keine Titten wackeln oder sonst was aufregendes passiert. mrgreen
Würde dort was aufregendes passieren: 
Dann Regt es die Jugend heute nicht mehr auf,
sondern an ! razz

Mit anderen Worten: Die Medien haben ihre Macht verloren ! wink

Wenn du heute vor 20 Jugendlichen ein Huhn schlachtest, 
dann schauen die nicht mehr weg, so wie früher. Sondern ganz genau hin !
Möchten am liebsten selbst das Beil in die Hand nehmen. daumendrueck

Der Wind hat sich total gedreht.
Die Medien sind 20 Jahre hinter dem Mond. 
Öko, Umwelt, Sozi, Klima oder Gutmensch war gestern ! 
Langweilt nur noch, wie die Bomben im nahen Osten.
Interessiert keine Sau mehr. Egal was die Medien sagen oder meinen. 

Das trifft sich mit den Ansichten von Gunnar Sohn. Regen wir uns unnötig auf? Sind das Streitigkeiten von zwei Minderheiten in der Bevölkerung? Interessiert es die Mehrheit überhaupt, wo das Schnitzel und die Milch her kommen? Wollen die das überhaupt wissen? Kämpfen hier missionarische Veganer gegen landwirtschaftliche Unternehmer auf verlorenem Posten in einer Filter Bubble?

Für mich war der #Güllestorm auf jeden Fall eine lehrreiche Erfahrung aus der Innensicht. Jetzt kann ich die Entstehung und Wirkung eines Shitstorms viel besser verstehen und erklären. In der Woche nach dem Güllestorm konnte ich meinen Workshop-Teilnehmern auf dem DLG-Seminar ein frisches Beispiel aus der Praxis zeigen und daran auch schön erklären wie man sich in so einem Fall als Betroffener verhalten sollte.

Bloggercamp.tv Sendung zum #Güllestorm